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Der Magier von Sils-Maria
Uwe Thater
Wahrheit, Wahrhaftigkeit und Lüge in der Philosophie Friedrich
Nietzsches
Friedrich Nietzsche ist der meistzitierte Denker aus über
zweieinhalb Jahrtausenden europäischer Geistesgeschichte. Seine
Wirkung wächst immer noch, doch hat sie zu keiner Zeit schulbildend
oder Schüler erzeugend gewirkt, denn Nietzsche ist der Extremist
der Skepsis: Er will alle Gedanken zulassen, alle Ideen prüfen,
allen Seelenzuständen ihr Recht einräumen, alle Freiheiten unter
der "Bleiplatte" des Alltags hervorziehen, aber auch
jeden Zweifel aussprechen.
Nietzsche war ein Magier der Sprache, der sehr verschiedene
Lesergenerationen in seinen Bann gezogen hat, er war der radikalste
Individualist und er hat die Idee der geistigen Unabhängigkeit
weiter getrieben als jeder andere Autor vor ihm. Wie die Schamanen,
die Hexen, die Jungheiden und Magier unserer Tage ging Nietzsche
in die freie Natur. Er ließ sich von Postkutschen auf äußerste
Alpen-Stationen fahren und verbrachte ganze Tage in den Elementen.
Tage, nicht Nächte. Sein nüchterner Kommentar dazu: "Wir
sind so gerne in der freien Natur, weil diese keine Meinung
über uns hat."
Es wäre aber falsch, diesen großen Nüchternen, diesen kältesten
Kritiker des Christentums für eine Propaganda der Religionslosigkeit
in Dienst zu nehmen. Die Kulturgeschichte geht weiter. Nietzsche
sah seine Aufgabe darin, den Blick frei zu machen für die offenen
Horizonte des Lebens.
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